Die Bewahrung der morphologischen Vielfalt als gemeinschaftliche Aufgabe - Am Beispiel Kartoffelsorten

Ein Bericht von Dr. Andreas Rauchegger, Kulturwissenschaftler, Tirol

Entnommen aus einem Beitrag über das „genossenschaftliche Prinzip als Basiselement von alpinem Wirtschaften“ in der hier abgebildeten Publikation mit dem Titel:  

Siegfried de Rachewiltz, Christiane Ganner, Andreas Rauchegger (Hg.), eardepfl – soni – patate. Zur Kulturgeschichte der Kartoffel im Historischen Tirol und seinen Nachbarregionen, Schriften des Landwirtschaftsmuseums Brunnenburg Nr. 18, Meran 2018, ISBN 978–88–940258–4–2.

Eine weiterhin zunehmende Hinwendung zum ökologischen Landbau ist gleichzeitig ein Bekenntnis zu größerer Sortenvielfalt und zur Bewahrung alter Kulturpflanzen. Die EU unter-stützt dieses Umdenken durch die reformierte EU-Bioverordnung, die 2021 in Kraft tritt und nach der „Saatgut mit einer größeren Diversität im Bio-Sektor legal vermarktet und genützt werden kann.“1 Die im Zuge der in den Tiroler Landesteilen genossenschaftlich organisierten Saatgutvermehrung getroffene Auswahl hängt von diversen und voneinander abweichenden Faktoren ab. Wesentliche Auswahlkriterien sind Ertrag und Absatz, die letztlich den Fortbe-stand einer Kartoffel-Genossenschaft garantieren. Verknüpft mit dem konventionellen und weniger ressourcenschonenden Anbau führt dies zu einer vergleichsweise kleinen Auswahl aus einem beträchtlichen Sortiment an verfügbarem Basissaatgut. Im gemeinsamen Sorten-katalog der EU sind momentan über 1.500 Kartoffelsorten gelistet, die als Pflanzkartoffel angeboten werden, wobei ein Anbauverbot für genveränderte Pflanzen in Österreich gilt.  

Allein in der Österreichischen Sortenliste 2018 (ÖSL) sind 52 Sorten registriert. Als Speise-kartoffeln vermehrt wird freilich unabhängig von den Saatbaugenossenschaften eine größere Bandbreite, was jedoch im Angebot des Lebensmittelhandels nicht ersichtlich ist.2 Hinzu-weisen ist auf einen enormen Sortenreichtum im 19. Jh., der wohl erst durch die generative Vermehrung entstand, angetrieben durch den Import von ertragreicheren Sorten aus Chile, die ab 1811 zu einer „Verdrängung der peruanischen Herkünfte“ führten.  

Dem Pflanzenmorphologen Peer Schilperoord zufolge „[gehen] alle modernen Sorten […] auf die ertragreicheren chilenischen Herkünfte zurück.“ Im Laufe des 20. Jh.s wiederum wurden die Landsorten von modernen Zuchtsorten verdrängt. „Eine grosse Rolle spielten dabei die Saatzuchtgenossenschaften, die landwirtschaftlichen Schulen und die Forschungsinstitute, die Sortenprüfungen organisierten.“3 Kleinzüchter waren immer weniger konkurrenzfähig, und große Firmen und Konzerne kümmern sich nunmehr um die Produktion von enormen Mengen an Sämlingen, ausgerichtet auf Merkmale wie harmonische Abreife, Homogenität und Gemeinsamkeiten wie Eiweißgehalt oder Resistenzen.4 Verlangt werden diese nicht allein vom Handel für Speisekartoffeln, sondern in noch größerem Maße von der gezielten Stärkekartoffelproduktion oder jener der Industriekartoffeln und Veredelungskartoffeln,5 die in den Tiroler Landesteilen praktisch nicht stattfinden.  

Damit ist die Bedeutung der alten Landsorten keineswegs geschwunden, denn sie zeichnen sich im Gegensatz zu Hochzuchtsorten durch ein genetisch divergierendes Gemisch von Spezies einer Kulturpflanze aus, die in der Regel meist nicht so ertragreich sind. „Sie sind durch langandauernde, natürliche Selektionen in einem bestimmten, meist eng umrissenen Gebiet entstanden und aus diesem Grund an die ökologischen Bedingungen in diesem sehr gut angepasst. Außerdem sind sie relativ ertragssicher, da sie durch die große Streuung ihrer genetischen Eigenschaften auf Standortschwankungen (unter anderem Witterung) sehr flexibel reagieren.“6 Diesen riesigen Fundus an pflanzengenetischen Ressourcen gilt es zu bewahren, denn sie sind die Basis für die Nahrungsmittelherstellung und -sicherheit künftiger Generationen.  

Gerade auch bei der Kartoffel mit ihrer Relevanz für die Welternährung werden Eigenschaften und Merkmale konserviert, die auf zu züchtende Sorten übertragen werden können. Insofern ist es mehr als statthaft, im Zusammenhang die Prägung kulturelles Erbe zu gebrauchen, um einerseits die kulturelle Leistung vergangener Generationen für die vorhandene Biodiversität zu würdigen und andererseits durch dieses politische Vehikel auf die außerordentliche und komplexe, damit verbundene Aufgabe für die Zukunft hinzuweisen. Zurecht wurde das „Wissen um traditionellen Samenbau und Saatgutgewinnung“ auf Betreiben des privatrechtlichen Vereins Arche Noah, der sich die Erhaltung und Nutzung der Pflanzenvielfalt zum Ziel gesetzt hat, im Jahre 2014 in die Liste des Immateriellen Kultur-erbes Österreich aufgenommen.7  

Zum Begriff des Erbes gehört auch jener der Erblast; sie schwingt in der Diskussion dieser außerordentlichen Aufgabe mit, und auch ihre durchaus positive Rezeption mag für den Antrieb gesorgt haben, welcher zu kleinen und großen, überregional und international vernetzten Genbanken führt. Seit fast einem Jahrhundert sammelt, vermehrt und beschreibt die Genbank des Landes Tirol Saatgut von alten Sorten der verschiedensten Kulturarten. Umfangreich aus regionalem Blickwinkel ist die Sammlung jener Erdäpfel-Landsorten, die in enger Zusammenarbeit mit Südtiroler Partnern entstand und erhalten wird. Intensiv ist die Zusammenarbeit mit der Genbank der AGES8 in Linz, bzw. der Abteilung Pflanzengen-etische Ressourcen, deren Leiter Paul Freudenthaler darauf hinweist, dass sich Österreich und andere europäische Staaten in einem internationalen Vertrag zum Erhalt verpflichtet haben: „Dieser öffentliche Auftrag ist im Gesundheits- und Ernährungssicherheitsgesetz festgeschrieben. Wir stellen Samenmuster insbesondere für Züchtung und Forschung sowie zur weiteren Nutzung zur Verfügung. Diese Muster müssen die Empfänger selbst vermehren, um Saatgut zu produzieren. Es gibt weitere Kooperationen mit der Arche Noah, anderen NGO’s und öffentlichen Einrichtungen (z. B. Bundesanstalten in Klosterneuburg, Schönbrunn, Raumberg-Gumpenstein; den Landwirtschaftskammern, Landwirten und verschiedenen Vereinen).“9  

In Summe nimmt die Anzahl an Kartoffelsorten zwar laufend zu, manchmal jedoch unterscheiden sie sich nur geringfügig voneinander.10 Eine neue Sorte gilt erst dann als solche, wenn sie von anderen botanisch unterscheidbar ist, also ein eigenes botanisches Taxon darstellt. Gezüchtet wird sie nur, „wenn sie eine Alternative zu einer bestehenden Sorte ist“, wobei diese Modifikation nicht ausschließlich vom Ertragsargument abhängt und beispielsweise auf den Reifezeitpunkt, die Lagerungsfähigkeit oder Krankheitsanfälligkeit abzielen kann. Laut Paul Freudenthaler „muss eine neue Sorte zudem hinsichtlich der agronomischen Eigenschaften mindestens so gut wie alte Sorten sein, was im Zuge des aufwändigen Prüfverfahrens als ‚landeskultureller Wert‘ vermerkt wird.“11  

Die großen Kartoffelzüchter in Österreich waren die Gutsverwaltung Weinberg (Mühlviertel) bis in die 1950er Jahre, die Saatbau Linz bis Mitte der 1980er Jahre und die NOES, die heute noch erfolgreich züchtet und jährlich ein bis zwei neue Sorten auf den Markt bringt. Seit 1950 wurden in der ÖSL 240 Kartoffelsorten aufgenommen. „Davon sind – zumindest in Österreich – 188 nicht mehr präsent“, wobei alte Sorten wieder integriert werden können (aktuell gilt dies für drei sog. ‚Erhaltungssorten‘). Beispielsweise war die Sorte Ackersegen bis 2006 in der ÖSL angeführt, derzeit ist sie noch in Deutschland als Erhaltungssorte zugelassen. Die Sorte Bintje hingegen war bis 2001 in der ÖSL und ist derzeit noch als normale Sorte in den Sortenlisten von Holland, England, Finnland, Luxemburg und Frankreich zu finden.12  

Die ausgeschiedenen Sorten, ausgenommen Hybridsorten, werden in die Genbank der AGES aufgenommen. Die meisten gehören außerdem zum Bestand von Genbanken in Deutschland, Polen, der Tschechei oder der Slowakei. Es sind hier Arbeitsgruppen aus den einzelnen Ländern im Europäischen Kooperationsprogramm für pflanzengenetische Ressourcen (ECPGR) vernetzt, um die Verantwortung für die Erhaltung zu teilen und gemeinsam wahrzunehmen. Einen Überblick über die gemeinschaftliche Sammelleistung kann man sich im Europäischen Suchkatalog für pflanzengenetische Ressourcen (EURISCO) verschaffen, in welchem insgesamt mehr als 1,9 Millionen Akzessionen von Ackerpflanzen und ihren wildwachsenden Artgenossen dokumentiert sind, die fast 400 Einrichtungen aus 43 Mitgliedsstaaten verwalten und erhalten.  

2014 hat das Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung (IPK) im deutschen Gatersleben das Hosting der Plattform von der Bioversity International mit Sitz in Rom übernommen.13 Eine Teilsammlung des IPK bilden die Groß Lüsewitzer Kartoffel-Sorti-mente mit etwa 6.150 Mustern. Davon entfallen ca. 2.750 Akzessionen auf das Kultur-kartoffel Sortiment, etwa 550 sind kurztagangepasste Muster vor allem südamerikanischer Landsorten, und der Bestand wird durch eine Wildart-Sammlung von ca. 2.850 Akzessionen komplettiert.14 Noch umfangreicher sind die US Potato Gene Bank in Sturgeon Bay in Wisconsin und das Internationale Kartoffelzentrum CIP mit Hauptsitz in Lima (Peru).  

Globale Bedeutung hat vor allem auch der „weltweite Saatgut-Tresor“ im norwegischen Svalbard (Spitzbergen), eine „moderne Arche Noah“, für welche der Welttreuhandfond für Kultur-pflanzenvielfalt (Global Crop Diversity Trust / GCDT) mit Sitz in Bonn zuständig ist. Ein Ausgangspunkt für diesen erdbebengeschützten Speicher, der u.a. von Australien, Brasilien, Kolumbien oder Ägypten unterstützt wird, ist das bereits angedeutete Szenario, die Erde nach Extremfällen wieder kultivieren zu müssen, was nur mit großer Agrobiodiversität gelingen kann.15 So konnten immerhin mehr als 115.000 Samen landwirtschaftlicher Nutz-pflanzen aus der Genbank Aleppos vor ihrer Vernichtung im Zuge des Syrischen Krieges in Sicherheit gebracht werden.16  

Der Kurator der Gross Luesewitzer Kartoffel-Sortimente Klaus J. Dehmer informiert darüber, dass sich eine Anzahl von ungefähr 150 Landsorten der Arche Noah im Bestand befindet, mit einer im Vergleich zu heutigen Sorten weit größeren genetischen und phänotypischen Vielfalt. Sie sind gleichzeitig auch Sicherheitsmuster.17 Im Kontext alter Sorten ist dieser gemeinnützige Verein mit Sitz in Schiltern (Niederösterreich, ca. 14000 Mitglieder) nochmals besonders hervorzuheben, der 1990 gegründet wurde und sich selbst als „Genossenschaft für Gemeinwohl“ bezeichnet. Man hat sich von Beginn an der Erhaltung der Kulturpflanzen-vielfalt verschrieben, und aktuell werden über 170 Kartoffelsorten kultiviert, alljährlich angebaut und optimiert. Erprobtes und virenfreies Saatgut etlicher ausgewählter Knollen gibt der Verein an Hausgärtner, Bio-Landwirte und Vereinsförderer in Mindermengen ab. Organisiert werden jedes Jahr neue Samenkataloge, ein Schaugarten und Austauschforen für Saatgutaktivisten.18  

Gerade solche Plattformen zur Vernetzung mit Vielfaltsbetrieben, zum Erwerb und Tausch von biologischem Saat- und Pflanzgut erleben einen Aufschwung und werden inzwischen in den Tiroler Landesteilen recht gut angenommen oder selbst vereinsmäßig organisiert, z. B.: Verein Bauernmarktl – Lebensmittelkooperative im Tiroler Unterland, Verein freipflanzen mit dem Gemeinschaftsgarten InnsGART’L im Raum Innsbruck, Verein Sortengarten Südtirol mit Sitz in Bozen u. a. m. Die dargestellte Vernetzung, die zunehmend weit verzweigter geworden ist, belegt eine immer engmaschigere Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Akteuren zur Saatguterhaltung und dadurch zur Bewahrung und weiteren Vermehrung der Sortendiversität. Diese Tätigkeit umfasst eine agrar- und ernährungskulturelle Dimension, die auch bezogen auf die Besonderheiten des Tiroler Kulturraumes von spezifischer Bedeutung ist.

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